Familiensinn à la RTL

Ich gebs zu, ich habe bisher jede Staffel DSDS mehr oder weniger verfolgt, genauso wie Popstars, genauso wie GNTM – das Zeug läuft seit fast 10 Jahren, und solange ich das noch halbwegs verfolge, fange ich zumindest nicht an, mich alt zu fühlen. Mit jedem Jahr verpasse ich mehr Sendungen, und Mitfreu-Momente werden seltener, dafür denk ich mir immer öfter „warum macht denn keiner was?“.  Ich fühl mich nicht als Mittäter, weil ich mir den Schund anschau, ganz und garnicht. Ich mach auch niemandem einen Vorwurf. Ist ja mittlerweile fast egal, WAS man kuckt, das Prinzip ist überall ähnlich. Ich wünsche mir das Familienduell zurück, und „Der Preis ist heiß“, weil da ganz normale Leute lustige Sachen gemacht haben, und das Publikum angefeuert und sich mitgefreut hat. Und mitgelitten. Aber Harry Wijnfoord hat nicht höhnisch grinsend dem Verlierer prophezeit, dass er es mit dieser Einstellung nie zu etwas bringen kann. Man konnte nicht verlieren – höchstens nicht gewinnen. Und dann hatte man trotzdem Spaß gehabt.

Mir taten die zwei jungen Leute bei Popstars unsäglich leid, als der Name „Some&Any“ irgendwie masselig verkündet wurde. Stille, erste Buh-Rufe, sie hält tapfer die Tränen zurück und stammelt „Ja, also, zu seinem Bandnamen muss man ja stehen!“. Man spürte förmlich, wie schlagartig allen, wirklich allen klar war, dass das die kürzeste Popstars-Karriere aller Zeiten werden würde. Das hatte garnichts mehr von Unterhaltung.

Bei DSDS frage ich mich immer wieder, wieso die Jury so oft zu dem einen oder der anderen unter den Top10-Kandidaten unfreundlich werden muss, warum so oft „du kannst nicht singen, nicht tanzen, du hast hier nichts zu suchen“ kommt. Ich dachte immmer, die Jury sucht unter 30.000 Bewerbern die BESTEN DER BESTEN DER BESTEN aus, und die Jury muss es ja wissen, also wieso bescheinigt die selbe Jury dann regelmaßig TOP 10 KANDIDATEN, dass sie Pfeifen sind? Ihr Pfeifen!

Bohlens Puppenkiste

Und dann ist da der obligatorische Bohlen-Schützling. Wäre ich Bohlen, ich würde mir diesen Ego-Kick auch nicht entgehen lassen und ein bisschen Puppentheater spielen. Beim Supertalent hat er einmal die richtigen Fäden gezogen und Deutschland hinter einer Mundharmonika vereint, beim zweiten Mal hats nicht ganz gereicht, traurige Geschichte+Panflöte+Familienzusammenführung, das ganze Programm, und dann gewinnt ein Hund. Den Hund hatte ich kein einziges Mal gesehen, als er zum Gewinner gekürt wurde. Das tat sicher ein bisschen weh, und beim nächsten Mal sollte sicher alles besser werden. Und dann kam Menowin Fröhlich aus dem Gefängnis, nicht mehr ganz so „StyloCool“ wie zwei Jahre zuvor, anscheinend geläutert, auf der Suche nach einer zweiten Chance. Schnief.

Wie beschreibt man die Geschichte von Herrn Fröhlich am besten? Als tragisch? Konsequent? Vorhersehbar?

Ich hege keinerlei Sympathie für diesen jungen Mann, und ich würde ihm keinen Meter weit trauen. Sein musikalisches Talent ist nicht zu leugnen, im Gegenteil. Aber Menowin war Show, Bohlens Show, und vielleicht hat ihm das jegliche Chance genommen, ein bisschen echter und ein bisschen leiser zu werden.  So war er Bohlens Liebling, musste sich aber in regelmäßigen Abständen daneben benehmen, damit Bohlen den strengen Juror markieren konnte. Was natürlich insgesamt zu einem „hammermäßigen“ Auftritt führte. Und Menowin stand auf der Bühne und versuchte, verlegen zu kucken, als wäre ihm soviel Lob unangenehm. Bull****.

Bohlen, Bilder, Boulevard

Außerdem liegen Bohlen und Boulevard nicht sehr weit auseinander, und was Annemarie Eilfeld mit bemerkenswerter Abgebrühtheit für sich zu nutzen wusste, wurde für Menowin zur selbst ins Rollen gebrachten Schlammlawine, an deren Ende nicht mehr „Menowin, der einen Fehler gemacht und gebüßt hat“ stand, sondern  ein junger Mann, der es scheinbar einfach nicht begreifen will, der eher einen Hang zur Kriminalität hat, als dass man ihn für einen Pechvogel halten könnte, und der 3 Kinder gezeugt hat,  und das ausgerechnet mit seiner Cousine.

Das fanden dann plötzlich doch einige Leute zu arg. Und Menowins Fassade bröckelte mächtig.

Das Ende der Geschichte kennen sicher viele. „War ich wirklich so scheiße“ – ne, echt nicht, aber echt auch nicht. Mark Medlock, der Jungs mag, und Mehrzad Maraschi, der seine Frau und sein Baby mag, singen auf einer Yacht voller Bikini-Girls davon, jemanden ins Schwitzen zu bringen. Und nach ein paar mehr oder weniger erfolgreichen (tendenziell letzeres) und mehr oder weniger peinlichen (tendenziell ersteres) Auftritten holt ein weiterer Puppenspieler, Mörtel genannt, zum finalen Todesstoß aus und spricht von Schlägen, Drogen, Bewährungszeit. Ein trauriges Ende für einen Herrn Fröhlich, ein weiteres Bohlen-Projekt, der sich schon so weit oben auf der Erfolgsleiter gesehen hatte, dass der zweite Platz sich anfühlte, als habe man ihn von dieser Leiter getreten. Zurück bleiben hass- und racheerfüllte Blicke und Gedanken, Wutausbrüche, Ungerechtigkeitsempfinden. „Jetzt erst recht!“ denkt er sich. Greift nach einem Strohhalm, den er als Anker beschreibt. Strampelt, hasst, ist sauer auf das Leben, versucht noch etwas, scheitert wieder, und am Ende bleibt nur noch Verzweiflung. Sollte er wieder ins Gefängnis müssen, nimmt er dahin wohl den gleichen Gedanken, wie Jahre zuvor: Das Leben ist nicht gerecht, ich kann garnichts dafür, dass ich immer wieder ganz unten lande.

Was vom Tage übrig blieb…

RTL ist konsequent. Menowin ist kein Thema mehr, obwohl er am Anfang noch durch die Shows tingeln durfte. Mehrzad singt Playback, Menowin legt spontan eine Tanzeinlage hin – who´s the coolest? Wer weiß, welche Hoffnungen Menowin da noch hegte. Übrig ist davon wohl nichts, und das Thema dürfte für RTL und Bohlen persönlich wohl eher ein dunkles Kapitel sein – die ganze Staffel war irgendwie verko(r)kst. Ich glaube aber, dass doch eine Sache übrig geblieben ist, die RTL damals in die Wege geleitet hat, um Menowins Image ein bisschen zu polieren. Bei GZSZ geht es wie immer um alles und nichts, Liebe und Tod, und das drum herum. Die junge Türkin Ayla ist in den Kioskbesitzer Taifun verliebt, die beiden kennen sich von Kindesbeinen an. Immer wieder kommt es zu Vertrautheiten, Küssen, Berührungen. Dann wieder treffen sich die beiden freundschaftlich zum Frühstück und es entwickelt sich ein Dialog (und jetzt kommts):

– Taifun,?

– Ja, Ayla?

– weißt du noch, wie Oma immer gesagt hat: Jeder Topf findet einen Deckel?

– Ja, unsere Oma war schon ein Knaller.

Uh? Japp.

Die beiden sind Cousin und Cousine, und dass da „nichts dabei sei“ und beide „sogar heiraten und Kinder kriegen dürfen“ wird in regelmäßigen Abständen von verschiedenen Personen geklärt. Zufall? Ja, dachte ich auch. Bis sich Anna in Paco verliebt hat. Bei Unter Uns. Da kam es sogar schon zum Waschküchen-Quickie. Bleibt schließlich auch hier – in der Familie. Die Väter des Traumpaars waren Geschwister.

Ich liebe meine Cousine, und das ist auch gut so?

Man mag zum Thema denken, was man will – mir ist die Vorstellung, dass RTL der Geschichte über Menowin etwas den  „Urgh“-Effekt nehmen wollte,  sogar noch die liebste Erklärung. Obwohl diese Geschichte harmloser ist, als der Soap-Plot, da Menowin und seine Cousine afaik nicht zusammen aufwuchsen.

Aber um mal direkt zu fragen: Ist Liebe zwischen Verwandten zweiten Grades das neue schwul? Stellen sich bei euch nicht die Nackenhaare auf, wenn ein Pärchen von „unserer Oma“ erzählt? Hat man nicht zu Familienmitgliedern, zumindest wenn man regelmäßig Kontakt hat, ein völlig anders gelagertes Gefühl, zu dem Lust und Leidenschaft einfach nicht gehören? Wer denkt sich sowas bei RTL aus? Im Nachmittagsprogramm existiert so etwas wie eine „harmonische, normale Familie“ nicht. im Gegenteil, allen geht es dreckig, Kinder schwanger oder Alkis, Mutter überfordert, Vater fies. Schreien, Schimpfen, Schlagen. So. Und Abends, wenn die „arbeitende Bevölkerung“ nach Hause kommt und sich Mami und Kids die Soaps ansehen, was sehen sie da: Knutschende Cousin/en, und alle sind happy, bleibt ja in der Famlie, man weiß was man kriegt. Vetternwirtschaft falsch verstanden. Ist das der neue Familiensinn à la RTL? Dann bin ich es eben, intolerant, und dann ist das auch gut so.

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2 Responses to “Familiensinn à la RTL”

  1. Marcel Says:

    Immer diese Nachtarbeiter…das war jetzt (m)eine Gute-Nacht-Geschichte. Schau lieber Sat1…als Empfehlung sei „Der letzte Bulle“ genannt…passt auch in die Zeit von „Der Preis ist heiß“…aber…ähm…warst Du da eigentlich schon geboren ? So, jetzt schalt ich das iPhone aus. Gute Nacht…

  2. Leonie Says:

    „Daaaaas Raaaaad“ hehe. Ich habe mich immer gewundert, dass die Kandidaten ihre Gewinne so schnell auswählen und die Preise so schnell rechnen können. Fernsehen war in meinem Kopf live, was auch sonst. Noch mehr gestaunt hab ich allerdings bei der Mini Playback Show – DIE waren immer echt fix in dieser Zauberkugel/-tür. Naja, und toll singen konnten die Kiddies auch alle :D

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