Wölfe, Schafe, Pelze

[pullquote]Wir hatten so große Angst davor, dem Wolf im Schafspelz zum Opfer zu fallen, dass wir nicht mehr schlafen, essen und arbeiten konnten.[/pullquote] Der Vorschlag klang narrensicher. Wir färbten die Schafe dunkel, bis wir sicher sein konnten, dass ein heller Fleck deutlich hervorstechen würde. Wir würden den Wolf im Schafspelz sofort erkennen, sollte er sich zeigen. In derselben Nacht fielen mehr Wölfe über unser Dorf her, als ich mir in meinen schlimmsten Träumen ausgemalt hätte. Und nicht ein einziger von ihnen musste sich tarnen. Sie müssen ein paar Stunden zwischen den Schafen herum getrottet sein, zwischen gefärbten Schafen, die zu verwirrt waren, um ihrer Verwunderung Ausdruck zu verleihen – und wozu auch, die Wölfe wirkten nicht, als hätten sie Lust auf Schwarzes Schaf. Wir waren stolz auf unseren brillanten Einfall, fühlten uns das erste Mal seit Langem wieder sicher, unsere Schafe taten, was sie jeden Tag taten, und wen interessierten schon Schafe, solang sie nicht als Wolfsdecke dienten. Und als es dunkel wurde, als die Aussicht auf eine ganze Nacht tiefen, friedlichen Schlafs verlockender wurde als alles andere, als die einen sich in ihre Betten legten und die anderen einfach einnickten, wo sie waren, als praktisch jeder Mensch im Umkreis seine freiliegende Kehle darbot, da war es ausgerechnet ein Schaf, das einigen von uns das Leben rettete.

Vielleicht war es schon seit Tagen nicht mehr bei der Herde gewesen, als es an diesem Abend zurückkam. Sicher ist, dass es diesen speziellen Tag über verschwunden gewesen sein muss, und jeder, der in der Minute zwischen der Ankunft des Schafs und dem, was danach geschah, erwachte, brauchte keine drei Sekunden, um 3 Meilen weit gerannt zu sein. Verstehen Sie jetzt, warum ich von Ironie spreche? Das Schaf war ein Schaf! Ein normales, helles Schaf. Und wir rannten um unser Leben, weil wir es für einen Wolf hielten – den Wolf – weil wir uns so sicher waren, ihn durch unseren Plan einwandfrei identifizieren zu können, weil uns gar nicht der Gedanke kam, dass wir irgendetwas übersehen haben könnten. Wir waren genauso dumm und voller Selbstüberschätzung wie zu dem Zeitpunkt, als der Wolf im Schafspelz anfing, in Gesprächen immer präsenter zu werden, als immer mehr Leute immer mehr Geschichten über ihn zu erzählen hatten, als man nur als ganzer Kerl galt, wenn man nackt durch eine Schafherde gerannt war und dieser Wolf uns im Großen und Ganzen noch nicht so viel Angst machte, dass man sich mit dem Thema hätte beschäftigen müssen. Das änderte sich schlagartig an dem Tag, an dem uns jemand den Beweis brachte, dass die Legende, das Schreckgespenst, zur Realität geworden war.

Niemand lief mehr nackt durch die Schafherde. Und es dauerte nicht lange, da hielten wir nicht nur jedes Schaf für den Wolf, sondern wir sahen ihn ständig und überall. Wir waren halb irr vor Angst. Und als der Vorschlag kam, den Wolf im Schafspelz „sichtbar“ zu machen, indem wir die Schafe färbten, fanden wir die Idee sofort brillant. Schnell umzusetzen, narrensicher. Wir waren wieder Mr. Hybris und seine Bande. Wir klopften unserem schlaksigen, sonst so stillen Freund für seine Genialität auf die Schultern, wobei sein Hemd verrutschte und für einen kurzen Moment die haarigste Brust entblößte, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Wir tranken, planten, färbten und tranken weiter. Wir dachten, wir hätten unser Leben, unsere Freiheit zurück, und dass es unser Verdienst wäre, unsere Genialität, unser Kampf, unser Sieg, und die meisten bezahlten den höchsten Preis für diese Art der Selbstüberschätzung. Ich bekam die Chance, meine Fehler einzugestehen und ein neues Leben zu beginnen, und die Dankbarkeit hat einen besseren Menschen aus mir gemacht. Ob ich es damals verdient hatte, zu überleben? Woher soll ich das wissen? Warum ich diese Chance erhalten habe, dieses Geschenk, und so viele andere nicht? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß es zu schätzen, jede Sekunde.

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