Vielleicht war es schon seit Tagen nicht mehr bei der Herde gewesen, als es an diesem Abend zurückkam. Sicher ist, dass es diesen speziellen Tag über verschwunden gewesen sein muss, und jeder, der in der Minute zwischen der Ankunft des Schafs und dem, was danach geschah, erwachte, brauchte keine drei Sekunden, um 3 Meilen weit gerannt zu sein. Verstehen Sie jetzt, warum ich von Ironie spreche? Das Schaf war ein Schaf! Ein normales, helles Schaf. Und wir rannten um unser Leben, weil wir es für einen Wolf hielten – den Wolf – weil wir uns so sicher waren, ihn durch unseren Plan einwandfrei identifizieren zu können, weil uns gar nicht der Gedanke kam, dass wir irgendetwas übersehen haben könnten. Wir waren genauso dumm und voller Selbstüberschätzung wie zu dem Zeitpunkt, als der Wolf im Schafspelz anfing, in Gesprächen immer präsenter zu werden, als immer mehr Leute immer mehr Geschichten über ihn zu erzählen hatten, als man nur als ganzer Kerl galt, wenn man nackt durch eine Schafherde gerannt war und dieser Wolf uns im Großen und Ganzen noch nicht so viel Angst machte, dass man sich mit dem Thema hätte beschäftigen müssen. Das änderte sich schlagartig an dem Tag, an dem uns jemand den Beweis brachte, dass die Legende, das Schreckgespenst, zur Realität geworden war.
Niemand lief mehr nackt durch die Schafherde. Und es dauerte nicht lange, da hielten wir nicht nur jedes Schaf für den Wolf, sondern wir sahen ihn ständig und überall. Wir waren halb irr vor Angst. Und als der Vorschlag kam, den Wolf im Schafspelz “sichtbar” zu machen, indem wir die Schafe färbten, fanden wir die Idee sofort brillant. Schnell umzusetzen, narrensicher. Wir waren wieder Mr. Hybris und seine Bande. Wir klopften unserem schlaksigen, sonst so stillen Freund für seine Genialität auf die Schultern, wobei sein Hemd verrutschte und für einen kurzen Moment die haarigste Brust entblößte, die ich jemals in meinem Leben gesehen habe. Wir tranken, planten, färbten und tranken weiter. Wir dachten, wir hätten unser Leben, unsere Freiheit zurück, und dass es unser Verdienst wäre, unsere Genialität, unser Kampf, unser Sieg, und die meisten bezahlten den höchsten Preis für diese Art der Selbstüberschätzung. Ich bekam die Chance, meine Fehler einzugestehen und ein neues Leben zu beginnen, und die Dankbarkeit hat einen besseren Menschen aus mir gemacht. Ob ich es damals verdient hatte, zu überleben? Woher soll ich das wissen? Warum ich diese Chance erhalten habe, dieses Geschenk, und so viele andere nicht? Ich weiß es nicht. Aber ich weiß es zu schätzen, jede Sekunde.
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